▶ Zwei Absätze erwähnen sexuellen Missbrauch. ◀
Viele meiner Tage fühlen sich unheimlich an. Meine Träume verschleppen sich aus der Nacht heraus und geben meinem Tag ein Gefühl mit. Mal ein kaltes, klirrendes. Mal ein kühles, dunkles. Ein andermal ein wirres, wütendes. Sie fühlen sich so real an, dass ich darin gelegentlich denke: »Schade, dass das kein Traum ist! Ich würde jetzt gern aufwachen.«
Ich bin auf einer Hausparty. Gesichter mit verschmiertem Mascara, umgekippte Gläser auf dem Bartisch. Mir ist schummrig, ich muss mich setzen. Alle sprechen Schwedisch — außer mir. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Verwunderung macht die Runde, jemand in Uniform kommt durch die Tür. Sie suchen nach »Nichtschweden«. Ich muss hier raus — und finde im Durcheinander eine Karte des Gebäudes. Am Ausgang warten versteinerte Untote, die der Windzug meiner schnellen Schritte aufweckt. Eine riesige Flügeltür, knackende Gelenke, meine Füße, jetzt nicht hinfallen! Ich stürme aus der Tür. Ich finde ein Gewehr und ziele auf eine matschige Untote. Sie zerfließt. Noch eine knirschende Gestalt kommt auf mich zu, ich lasse sie ebenfalls zerfließen. Ich renne und stürze auf den Asphalt. Sand unter meinem Gesicht. Wo bin ich hier? Gemeinsam gehe ich mit meinen Freunden zurück in die Jugendherberge.
Sonnenschein auf meiner Tastatur. Ein warmer, lichter Dienstag. Heute habe ich geschafft, besonders früh aufzustehen. Mit Leichtigkeit bin ich aus dem Bett geschwebt und geschwind zur Tramstation geflitzt. Ab ins Büro.
Beim Losgehen hake ich meine Liste ab. Habe ich etwas zu Hause vergessen? Nein. Habe ich kontrolliert, ob alle Fenster zu sind? Ja. Licht aus? Check. Manchmal verpasse ich meine Tram, wenn ich zu lange überlege und die Minuten dahinrieseln.
Mich begleitet bei der Arbeit when you have to finish your homework in less than an hour von nobody (2022). Schade, dass ich nicht zu Playlists wie you’re the only one left in the library late at night (nobody 2023) arbeiten kann. Mein Körper möchte in die Musik einsinken wie in ein sanftes Kissen. Ein tiefes, umarmendes. Ein sicheres, unendliches.
Der Screen schaut mich an. Das Redaktionstool wartet auf mich mit großen Augen. Ich tippe los. Ein seltsamer Wald mit Bären und gruseliger Filmmusik empfängt mich mit offenen Armen. Sie sind ganz nah, die Bären, und jederzeit kann etwas passieren. Der Weg unter meinen Füßen. Meine Hände, wie sie meine Kinder festhalten. Ein Tal öffnet sich hinter der Baumkette. Ich muss meine Kinder beschützen. Wir müssen hier weg!
Die Uhr sagt, ich habe nur vier Minuten gedöst.1 Zur Sicherheit schalte ich irgendeine chaotische Klassikplaylist ein und füge zur Abwechslung etwas Hermanos Gutierrez (Connor 2021) der Warteschlange hinzu.
Wieder zu Hause, verbringe ich meine Zeit entsprechend einem Meme, das besagt: »when I get off work imma hit the gym, do laundry, clean & cook« (The Office Memes 2019) und »me 4h after getting home« (ebd.). Auf dem Meme ist ein deprimiert und erschöpft dreinschauender Mann neben einem Tisch mit einem halb leeren Eimer voll Utz Cheese Balls zu sehen. Ich kenne das, bloß ohne Utz Cheese Balls. Die Minuten rollen vor sich hin. Die Zeit tüdelt um mich herum, bis ich merke, dass sie langsam vergangen ist.
Es ist warm. Wir sind spazieren und haben uns Eis geholt. L. macht einen Witz. »Halt mal schnell mein Eis«, sage ich lachend. L.s Gesicht. Meine Hand, die zittert. Der sommerwarme schwarze Teer. Meine Knie knicken ein, und ich sacke gen Asphalt. »Alles in Ordnung mit dir?« – »Ja, alles o.k.«, will ich sagen, kann ich aber nicht. Ich kann gerade mal atmen.2
Das Bett ist so gemütlich. Ich versuche, vor dem Einschlafen noch die Lampe auszumachen. Mein Kopf denkt: Ich muss jetzt das Licht ausschalten! Die Zimmerdecke über mir. Mein Bewusstsein sinkt ins Kissen, meine Hand ist in Gedanken ausgestreckt. Ein brennendes Etwas schwebt durch die Luft. Ein waberndes, glühendes. Eine schwarze, hohle Grimasse. Sie fängt Menschen ein, die sich schreiend darin auflösen. Der Himmel ist nachtschwarz. Das wabernde Etwas bewegt sich über ein angelegtes Wasserbecken, es sieht aus wie im Schloss Sanssouci. Mir kommt es vor, als schaue es mich an. Die Melodie von BEACHPEOPLES, One Second Less to Live (2022) schummelt sich als Filmmusik dazu. Ich drücke auf Snooze — einen nach dem anderen. Bestimmt schon halb neun – Achseln waschen, Hose an, Rucksack packen, ab zur Tram, habe ich alles dabei? Es ist drei Uhr morgens, und die Vorhänge sind noch auf. Thank god it’s friday! Hat hoffentlich niemanden gestört! Licht gelöscht. Ich ziehe mein Schlafshirt an und versuche, auch meine Gedanken zu löschen. Drei Uhr morgens, die beste Zeit für real-life Horrorszenarien und echte Albtraumgeschichten. Die sich im Kreis drehen und herumspinnen.
▶ Ich erinnere mich an einen Barabend, meine Zimmermitbewohnerin hatte mich eingeladen, Bier schwappt in seltsamen fünf Liter fassenden Plastikröhren hin und her. Ich trinke nicht mit. An der Bar ein netter T., wir beide kommen ins Gespräch. Meine Offenheit passt gut zu seiner Offenheit. Wir wohnen alle im selben grauen Hochhaus. T. und ich sind in meinem Zimmer. Eben war er noch zart irgendwie, aber jetzt ist er mir zu schwer. Ich möchte, dass er runtergeht von mir. Er ist massig und unbeholfen. Ich bin müde. Ich verbuche das einfach als schlechten One-Night-Stand und schließe danach schnell die Augen. Ich träume von Sex. Normalerweise gefällt es mir, wenn ich davon träume. Diesmal ist es anders. Es fühlt sich falsch an. Ich wache auf. ◀
▶ T. hat definitiv den Kurs von Angèle in Balance Ton Quoi3 nicht belegt. Er hat nicht verstanden: »Si elle dort, tu la laisse dormir« (Angèle 2019) Ich sage seinen Namen und versuche, ihn wegzudrücken. Er stöhnt den meinen und macht einfach das, was er machen will. Ich kann nicht reagieren, weil ich schlafe. Weil mein Körper nicht wach zu bleiben vermag.
Ich weiß nicht mehr, wann genau er am nächsten Morgen damals gegangen ist. Wahrscheinlich haben wir sogar noch gefrühstückt und ge-
redet. Ich weiß nur noch, wie ich unter der Dusche stand und spürte, was das für ein Gefühl ist, das ich in Filmen gesehen hatte. Seifen-
schaum. Hände, die schrubben. Wasser läuft aus dem Duschkopf und aus den Augen. Sich selbst umarmen, bringt irgendwie auch nix. Meine Füße, die mir so weit weg vorkommen. Die eklige Studentenwohnheimdusche mit der abplatzenden Emaille. Irgendjemand hat ge-
sagt, dass in dem Wasser vielleicht Legionellen sind. ◀
Ich erinnere mich an J.s Füße. Wir tragen gerade meine neue Waschmaschine ins Auto. Seine Füße quietschen so ulkig. Mein Körper fängt an zu zittern. Ich sehe sein Grinsen. Den geöffneten Kofferraum. Wir müssen absetzen. Nach mehreren Pausen haben wir es zum Auto geschafft, ich lege mich vorsorglich zum Lachen aufs Kopfsteinpflaster.
L.? Bist du wach?« – »Mmmmh« – »Ich hatte einen ganz schrecklichen Traum« – »Mmmmhh« – »Ich traue mich nicht, wieder einzuschlafen« – »Mmmmh«. L. schläft.
Meine Augen wollen aufgerissen bleiben. Der Traum will mein inneres Auge nicht verlassen. Eine Leinwand, Schreie, zwei abgeschnittene Oberschenkel, umfasst und gehalten von Eisenringen, die an Ketten hängen. Nahaufnahmen von einem Gesicht, dem die Haare mit der Kopfhaut zusammen entfernt werden. Ein lebendiger Körper wird zerteilt. Ich sitze im Publikum, zusammen mit Freund*innen. Ich verstehe nicht, was das ist. Ein trendiger Horrorfilm? Meine Freund*innen scheinen das allesamt als eine normale »edgy« Performance zu interpretieren. Ist das echt gewesen, frage ich mich? Montiert? Woher bekommt jemand solche schrecklichen Filmideen? Mir ist übel. Die Übelkeit lässt meinen Körper nicht los. Bei welchem Teil meines Gehirns soll ich mich dafür bedanken? Ich frage L., ob er wach ist. Er murmelt. Es ist dunkel draußen. Wind weht laut ums Haus, es gewittert. Ich habe Angst.
In einer anderen Nacht hatte ich beim Online-Meeting mit meinem Arbeitgeber eine Schlafattacke. Ich konnte keine Sätze mehr zu Ende bringen und musste mich anstrengen, nicht umzukippen. Mühevoll brachte mein Mund einzelne unzusammenhängende Wörter hervor. Nach dem Meeting dann die Dunkelheit. Als ich aufwachte, sah ich wirre Notizen auf meinem Whiteboard. Im Schlaf geschriebene, sich wiederholende Wörter. Kryptische, unlesbare Zeichen. Panik. Hat das jemand gesehen? Habe ich im Schlaf mit jemandem gesprochen? Immer noch im Traum, schlief ich am Ende des Tages wieder ein, und nach dem Aufwachen war plötzlich mein Chatprogramm voller abgeschickter, absurder Nachrichten.
Meine Augen öffnen sich. Mein Herz rast. Wo ist mein Handy? Meine Augen scannen den Raum. Neben mir im Bett. Meine Finger, wie sie den Code eintippen. Mein Screen, der noch dunkel gestellt ist. Mein Arbeitschat, in dem nix passiert ist. Ich atme aus.
Ein schöner Sonntag im Nirgendwo. M. und ich. Es ist hell, und wir gehen ins weiche, süße Wasser. »Bitte jetzt nicht lustig sein«, sage ich, als wir langsam in den lagunenblauen See hinausschwimmen.
Literaturverzeichnis
- (2019): Balance Ton Quoi. Abgerufen von und am / accessed on and at:. https://www.youtube.com/watch?v=Hi7Rx3En7-k.
- (2022): One Second Less to Live. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.youtube.com/watch?v=JBqFKKc19gM
- (2021): Hermanos Gutiérrez — Eternamente //GREATEST HITS LP // Desert Guitar Magic.. Youtube Playlist. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023,. https://www.youtube.com/watch?v=9Kg6hSPTWb4
- : Kataplexien. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023,. https://narkolepsie-netzwerk.de/services/s1/symptome/kataplexien/
- : Narcolepsy. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.ninds.nih.gov/health-information/disorders/narcolepsy#:~text=There%20are%20two%20major%20types,on%20a%20special%20nap%20test
- (2022): When you have to finish your homework in less than 1 hour (a playlist). Youtube Playlist. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.youtube.com/watch?v=-XFJoMRMM4k
- (2023): You’re the only one left in the library late at night. Youtube Playlist. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.youtube.com/watch?v=uAAIwsfwCGI
- : Cataplexy. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.sleepfoundation.org/physical-health/cataplexy
- (2019): when I get off work imma hit the gym, do laundry, clean & cook. me for 4h hours after getting home. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.facebook.com/143896612738133/posts/accurate/659998287794627/
- : Narkolepsie. Abgerufen von und am / accessed on and at: 14.08.2023. https://www.usz.ch/krankheit/narkolepsie/