Ein Blackout ist noch keine Revolution

Ein anderer Gebrauch?

Der Gebrauch bleibt ambivalent, zwischen Möglichem und Gegebenem, gesellschaftlicher Bestimmung und individueller Tätigkeit, Zweckbeziehung und Objekterfahrung. Die Ambivalenz des Gebrauchs spannt ihn im gesellschaftlichen Gefüge unzähliger sich überschneidender Positionen auf, das Feld der Gestaltung mittendrin. An ihm hängt eine Hoffnung auf eine unmittelbare, richtige Objektbeziehung jenseits der Waren. Eine Art Geschenk der Designer*innen an Nutzer*innen. Eine Utopie der guten Gebrauchswertbestimmung jenseits kapitalistischer Zwänge. Doch der Gebrauch hat nicht das revolutionäre Potenzial entfaltet, das ihm unter anderem von Wolfgang F. Haug (1973), im Non Intentional Design (Brandes, Stich, Wender 2009) oder etwa in Form von Technologiegläubigkeit nachgesagt wurde und wird.1 Design als Versuch von Gestaltung neuer, besserer oder überhaupt guter Gebrauchswerte hat uns nicht aus den Verhältnissen gelöst, die nötige Veränderungen und die Mitsprache marginalisierter Positionen blockieren und in die Gebrauch als Bestimmung innerhalb zweckrationaler Strukturen der Waren eingebettet bleibt.

Blackout – Wendung von Gebrauch

Dabei zeigt sich im Abbruch von Gebrauchsstrukturen, wie etwa dem Blackout, die Wendbarkeit dieser naturalisierten Bestimmungen. Im Blackout zeichnen sich emanzipatorische Praktiken ab, die die bestehenden, zementierten Gebrauchswerte auf die Sorge umeinander wenden.2 Doch die allgemeine Erfahrung auf gegenseitige Sorge bezogener Gebrauchswerte führt nicht automatisch auch zu einer Einschreibung dieser Gebrauchswerte über den Blackout hinaus. Die Setzung neuer Gebrauchswerte durch Nutzer*innen garantiert nicht deren gesellschaftliche Produktion. Während solidarische und emanzipatorische Praktiken zunächst aufleuchten, weichen sie langsam oder kämpfen dagegen an, dass der Ausnahmezustand in seiner Bearbeitung allmählich wieder in die herrschenden Verhältnisse übersetzt und eingefügt wird. So wird die Wiederherstellung der geregelten Verhältnisse zur scheinbar zwingenden Voraussetzung, um wieder die Versorgung mit Gebrauchswerten zu garantieren. Was eben nicht automatisch bricht, sind die bereits zementierten hegemonialen Interessen und ihre Diskursmacht. Der Abbruch eröffnet neue Perspektiven, er zeigt zufällig eine andere Möglichkeit auf. Eine andere Welt muss aber immer noch erkämpft werden.

Missbrauch – erkämpfte Möglichkeit

Der Blackout zeigt unvorhergesehen eine andere Möglichkeit auf. In der Ausformulierung als Gebrauch wird diese Möglichkeit in Einklang mit bestimmenden Interessen gebracht (falls überhaupt möglich). Dagegen fordert der aktive Missbrauch der geregelten und durchgestalteten Welt diese andere Möglichkeit gegen bestehende und sie ausschließende Interessen ein. Dieser Missbrauch stellt Interessen außerhalb der Verhältnisse in das Feld des Möglichen. Er ist daher eine adäquate Denkfigur für noch unvermittelte Interessen.

Der Missbrauch eröffnet den Blick auf die Grenzen eines Denkens des Gebrauchs, das Bestimmungen in die zweckrationalen Strukturen der Waren hineinsetzt, und auf die Gewalt, die in diesen Grenzen lauert. Welchen Totalitätsanspruch viele Menschen dem richtigen Gebrauch, z. B. dem von Straßen, beimessen, ist gut an der Gewalt zu beobachten, die Aktivist*innen mit Sekundenkleber in Medien und an den eigenen Körpern entgegenschlägt. Als Grenzüberschreitung steht der Missbrauch der gemachten Welt beständig auf der Kippe, als Trauma, alles nur noch auf sich auszurichten oder — in Bezug auf einen erst noch zu denkenden Horizont — die Ordnung der Verhältnisse neu aufzuspannen. So bricht sich mit dem als Mordinstrument missbrauchten Lkw nichts Bahn als der Wahnsinn eines Totalitätanspruchs, der die Auslöschung anderer beansprucht.3 In der Besetzung von Häusern oder Kohlengruben brechen Interessenkonflikte zwischen aktuellen Formen der Warenstrukturen und drängenden Interessen der von deren Auswirkungen Betroffenen auf. Als drängende Fragen einer Gerechtigkeit dringen sie in die geregelten Verhältnisse ein und stellen diese selbst zur Disposition.

Missbrauch – Gestaltung

Missbrauch kann eine emanzipatorische Strategie sein, um konkrete Handlungsräume zu eröffnen: Die Decke über dem NATO-Draht, die angemalte Wand, der Lkw in der Gefängnismauer oder der Schuh, der den spielenden Kindern die Hoftür aufhält.4 Direktes emanzipatorisches Potenzial haben sie für die jeweils Handelnden. Für Gestalter*innen zeigensie eigene Herausforderungen und Perspektiven auf. Wo im Gebrauch verschiedene Interessen (Investor*innen, Arbeiter*innen, Händler*innen, Nutzer*innen etc.) gebündelt in der Produktion bestimmt werden, sind sie im Missbrauch diametral entgegengesetzt (Gebrauchsbestimmung wird hier zum »Wicked Problem« [Rittel/Webber 1973: 155 – 169], das sie schon immer war). Damit stellt sich im Missbrauch die Frage nach dem Gebrauch als Frage von Machtverhältnissen und Interessen, die sich auf keine allgemein gültige Autorität mehr beziehen können, weil in ihm immer schon eine andere, noch geltend zu machende Autorität behauptet wird.5 Im Missbrauch richtet sich der Blick nicht mehr auf eine abgeschlossene Subjekt-Objekt-Sphäre (deren Bedürfnisse etwa als Grundbedarf z. B. für das Bürgergeld von anderen ermittelt und festgelegt werden können). Stattdessen taucht das Subjekt als forderndes auf. Der Missbrauch bezieht sich so auf ein für die Wirklichkeit konstitutives Subjekt anstatt auf eine für das Subjekt konstitutive Wirklichkeit. Dafür bedarf es eines Resonanzraums, in dem dieses Fordern weiter ausformuliert werden kann (der Blackout kann temporär ein solcher Resonanzraum
sein).

Wie können Gestaltende mit einer Position umgehen, die sich gegen das eigene Arbeitsfeld (oder zumindest gegen die Strukturen, in die es zumeist eingegliedert ist) ankämpft? Einen Missbrauch zu gestalten, also im Vorhinein zu bestimmen, bleibt absurd (auch wenn es immer wieder aus Versehen passiert). Zuerst ändert sich die Beziehung des Entwurfs zu denen, für die entworfen wird (und die über keine Mittel verfügen, direkte Auftraggeber*innen zu sein). Statt mit großer Geste den großen Wurf für die Allgemeinheit in die Welt zu setzen, spricht diese Allgemeinheit auf einmal: als Verweigerung, Durchkreuzung, Störung, direkte Forderung, Umsetzungsschwierigkeiten etc. Für Gestalter*innen ist der Missbrauch zuerst reflexives Moment. Die Bestimmung von Gebrauch ermöglicht es Gestaltenden, die Autorität eines richtigen Objekt-Nutzer*innen-Verhältnisses zu behaupten, ohne jemals mit Nutzenden in Berührung zu kommen und ohne, dass jemals die Grenzen dieser Autorität und jene, die dahinter zurückbleiben, auftauchen würden. Mit dem Missbrauch konfrontiert, bricht Gestaltung nicht einfach aus in ein neues Feld freier Verhandlung. Vor allem ist sie auf ihre Begrenztheit verwiesen, auf ihre Position innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse. Die darin aufgeworfenen Fragen können Gestalter*innen nicht alleine beantworten. Sie denken sich nicht abseits von allem neue Welten aus und führen auch nicht den in der Höhle der Waren Sitzenden Schattenspiele vor. Politisch wird Gestaltung nur, wenn sie diese Disposition im gesellschaftlichen Feld ernst nimmt. Das meint genauso das eigene Arbeitsverhältnis und Bewusstsein über Machtstrukturen, in denen Gestalter*innen auftreten, als auch den Einfluss, den Gestaltung durch die Ausformulierung unserer Umwelt ausübt.

Resonanzraum

Gestaltung liefert im Entwurf ein Bild, das zu einem (meist eng abgesteckten) Feld der Verhandlung wird.6 Der Entwurf ist das konkrete Bild, in dem sich alle Strukturen der Ware kreuzen. Sosehr diese Strukturen den Entwurf bereits bestimmen, so sehr befindet er sich zunächst in der Position der Schwebe. Das Bild, in dem diese Bestimmungen kondensieren, muss noch gefunden werden (meist müssen nur noch kleine Abweichungen x-mal durchgespielter Bilder gefunden werden). Ohne einen gemeinsam unterliegenden Grund, auf den sich ein solcher Entwurfsprozess als allgemeingültig stützen könnte, wäre er immer ein Ansinnen an andere, ein »starkes Vielleicht«7 . Im besten Fall können Gestalter*innen hier einen Raum für andere und eigene, immer schon parteiische Kommunikation schaffen.

Darüber hinaus können Gestaltende meist nur sehr begrenzt an einem Resonanzraum arbeiten, in dem sich marginalisierte Interessen ausformulieren und kommunizieren lassen. Sie können diesen Positionen die Sprache der Gestaltung leihen und den Gestaltungsprozess zu einem Modus von Weltverstehen und Weltentwerfen (von Borries 2016 [2021]) für andere machen. Wie etwa die militante Untersuchung (als Werkzeug des Operaismus) Arbeiter*innen Sprachraum geben soll, um nicht nur Wissen über sie zu produzieren, sondern ihnen dabei auch Raum zur Entwicklung eines eigenen Bewusstseins und eigenen Positionen zu eröffnen.8 2021).] Allerdings liegt der Begriff militant im Falle des Missbrauchs deutlich auf der Seite der Fordernden (und kann hier auch als eine Art Untersuchung der Umwelt durch konkrete Interventionen gelesen werden), nicht bei der Gestaltung. Die radikale Geste des Missbrauchs ist die Geste der Anderen.9 Gestaltung wird nicht radikal oder revolutionär, wenn sie nicht diesen Anderen Platz bereitet und gibt, nicht nur phasenweise, sondern bis zum Ende. Die erarbeiteten Interessen der Mitspieler*innen müssen zum integralen Teil des Entwurfs werden und nicht als Randnotiz abgeheftet werden. Ein Entwurf ist dabei noch kein Selbstlauf. Anders, als wenn Interessen von Investor*innen in deren Auftrag gezielt auf die Produktion hin ausgearbeitet werden, muss sowohl dieser Resonanzraum erkämpft als auch dessen Ergebnisse erst noch durchgesetzt werden.

Im weiten Feld der Gestaltung gibt es zahllose Methoden und Varianten die Sprache der Gestaltung zusammen mit anderen zu sprechen. Die Aufgabe ist aber keine formale. Keine Methode garantiert hier die Umsetzung des Forderns. So hat z. B. partizipatives Design unzählige Methoden durchprobiert, die Hemmschwelle zum Gestaltungsprozess herunterzusetzen, zumeist aber, ohne die eigene oder vertretene Autorität hintanzustellen.10 So leiht sich Gestaltung andere Positionen (und verwurstet diese weiter), anstatt ihre Sprache und ihr Feld anderen Positionen zu leihen und von anderen bespielen zu lassen. Also in ein Arbeiten mit und für marginalisiert Personen überzugehen. Um sich mit anderen, ihren Platz noch einfordernden Interessen, zu verbünden, muss die eingeübte Autorität des Entwurfes gegen den Strich gebürstet werden.11 Die Autorität des fertigen Plans, des minutiösen Renderings und der vollendeten Tatsachen sind nun die Geschütze in die andere Richtung.

Virulenz fortschreiben

Über das einzelne Projekt hinaus stellt die Perspektive des Missbrauchs der durchgestalteten Welt die Forderung, den Resonanzraum für noch sich zu erhebende Stimmen nicht zu schließen, um immer wieder neu das Fordern der Anderen sich ausformulieren zu lassen, die Spannung, in die das Fordern das Denken versetzen, nicht abzuschließen, die Virulenz des Einbruchs zu suchen und fortzuschreiben. So übernimmt z. B. die Fahne des Refugee Olympic Team (Sachs 2018: 118) mit den Farben der auf dem Mittelmeer verteilten Schwimmwesten zwar die Funktion der Nationalfahne bei den Olympischen Spielen, sie schreibt allerdings unmissverständlich das Versagen eben dieser Nationalstaaten in ihre Ausgestaltung ein. Sie exponiert das lautstarke Fordern der von Staaten Ausgespuckten und Entrechteten, während diese in das Spektakel des Wettkampfes der Nationen miteinbezogen werden.   

Wenn die Gestaltung eine Verhandlung über Gebrauch und dessen Ausformung ist, müssen wir die Gestaltung missbrauchen, um Interessen Mitsprache zu ermöglichen, die bisher außen vor bleiben. Dafür bedarf es nicht der Ambivalenz des Gebrauchs, sondern der Unmissverständlichkeit des Missbrauchs der durchgestalteten Welt. Inwieweit das möglich ist, bleibt immer wieder neu auszuloten.

Literaturverzeichnis

  1. AG Ost (2023): SO KÖNNEN WIR NICHT ARBEITEN. Hamburg, AG Ost WEB.. Abgerufen unter und am / accessed on and at: 24.09.2023. https://www.xn--soknnenwirnichtarbeiten-9kc.de/
  2. Borries, Friedrich von (2021): Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie. 4. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  3. Brandes, Uta; Stich, Sonja; Wender, Miriam (2009): Design durch Gebrauch. Die alltägliche Metamorphose der Dinge. Basel, Boston, Berlin: De Gruyter.
  4. CBS NEWS (1998): Arrests Foil Mom’s Jailbreak Plan. Abgerufen unter und am / accessed on and at: 29.06.2020. https://www.cbsnews.com/news/arrests-foil-moms-jailbreak-plan
  5. Deleuze, Gilles; Guattari, Felix (1977): Rhizom. Berlin: Merve.
  6. Haug, Wolfgang Fritz (1973): Kritik der Warenästhetik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  7. Persen, Petersen (2003): Ein Plädoyer für ein starkes Vielleicht. Hamburg: HfbK Hamburg. Abgerufen unter und am / accessed on and at: 31.07.2023. https://projekte.hfbk.net/project/26989081-3f52-4309-bebd-2630e54bb0fd
  8. Pohrt, Wolfgang (2013): Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt. Berlin: Edition Tiamat.
  9. Rittel, Horst W. J.; Webber, Melvin M. (1973): “Dilemmas in a General Theory of Planning.”. In: Policy sciences 4.2. Amsterdam: Elsevier Scientific Publishing Company.
  10. Sachs, Angeli; Banz, Claudia; Krohn, Michael (2018): Social Design: Participation and Empowerment. Zürich: Museum für Gestaltung Zurich.
  11. Schich, Benedikt (2021): Denken über Design. Über die Ambivalenz des Gebrauchs – Politische Perspektiven des Missbrauchs. Hamburg: Materialverlag – HfbK Hamburg.
  12. studio flex (Beckmann & Nikoleit GbR) (2021): DA SIND WIR*. Abgerufen von und am / accessed on and at: 24.09.2023,. https://da-sind-wir.com

Nächster gemerkter Artikel

Nächster Artikel