Spekulative Objekte

Die Arbeit untersucht das Dazwischen als sozialen, räumlichen und zeitlichen Zustand, der das Leben von Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus prägt und im AWO-Refugium Lichtenberg besonders sichtbar wird. Sie zeigt, wie designbasierte, partizipative Prozesse – etwa in den Solidarischen Design Stationen (SDS) – Verbindungen schaffen, Übergänge erfahrbar machen und neue Handlungsspielräume eröffnen können. So argumentiert der Text, dass Design in entkoppelten sozialen Architekturen fragile, aber wirksame Momente von Selbstwirksamkeit und Mitsprache stiftet.

An der nächsten Straßenecke steht ein Kiosk – mitten im quirligen Berliner Stadtteil Neukölln. Der Kiosk ist geöffnet. Auf seinem Dach stehen unzählige bunte, „messy“ arrangierte Leuchttafeln, die vermuten lassen, was es hier zu kaufen geben könnte. Ganz selbstverständlich richtet sich der Weg dorthin – denn ein Kiosk ist eben ein Kiosk, ein Ort für alltägliche Besorgungen.Aus der Nähe wird klar: Hier geht es nicht um Zigaretten oder Snacks. Anstelle von Werbung für eine neue Eissorte weisen Plakate auf das Gesundheitskollektiv Berlin e.V. hin. Am Kiosk erhalten Passant*innen Informationen zu gemeinwohlorientierten Stadtteilgesundheitszentren und der Gesundheitsversorgung für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Bildung. Wer mit Sorgen kommt, erhält im Tausch eine selbstgemachte Limonade und Unterstützung bei ihrer Lösung.1

Aber der Kiosk bleibt nicht lange. Nach ein paar Tagen verschwindet er von dieser Straßenecke, rollt weiter und taucht an einem anderen Ort wieder auf – diesmal mit einer anderen Initiative, die ihre solidarische Praxis im öffentlichen Raum sichtbar macht.Es ist der Kiosk der Solidarität: ein „aufsuchendes Objekt“ und mobiler Begegnungsort, der seit 2023 durch Berlin (und darüber hinaus) zirkuliert. Er schafft Sichtbarkeit für marginalisierte Gruppen – etwa migrantische, geflüchtete, queere Communities oder wohnungslose Menschen – und vernetzt die Initiativen. Das Projektteam des Kiosk Kollektivs, bestehend aus der Habitat Unit – TU Berlin, dem Verein Constructlab Berlin e.V. und Studierenden, unterstützt die beteiligten Gruppen bei der Umsetzung ihrer Ideen, gestaltet Poster, hilft bei der Logistik, der Dokumentation oder bei Fragen der Finanzierung.2

Spekulatives Objekt in der Werkstatt

Von Einladung und Widerstand

Oder an der Straße steht ein Tisch. Auch hier handelt es sich um einen Gegenstand unseres Alltags. Ein Alltagsobjekt, mit dessen Nutzung wir intuitiv vertraut sind. Daraufhin bringt eine Person einen Hocker mit, Kannen mit Kaffee und Tee stehen plötzlich da, ein loses Gespräch entsteht. Kein Masterplan, sondern eine einfache Geste – so fangen viele Constructlab Projekte an. Eine kleine Veränderung im öffentlichen Raum, fast beiläufig, aber offen genug, um Menschen neugierig zu machen.
Diese ersten Momente sind entscheidend, weil sie den Ton setzen für das, was folgt: Eine sanfte Intervention, um einen Möglichkeitsraum zu öffnen.3

Sanfte Interventionen sind feine Eingriffe. Sie arbeiten mit Aufmerksamkeit, nicht mit Lautstärke. Sie setzen auf Beziehung statt Repräsentation. Im Unterschied zu einer top-down Gestaltung entstehen sie aus dem Kontext heraus – als temporäre, relationale Architekturen und Objekte, die Raum gestalten, indem sie Situationen erzeugen.Statt den öffentlichen Raum zu besetzen, laden sie ein, ihn zu teilen. Oder anders formuliert: mitzubesitzen. Das Mögliche wird erfahrbar – ohne jedoch laut zu fordern. Diese Form der Praxis lässt sich als performative soziale Raumproduktion beschreiben, die auf Gestaltung, Teilhabe und Alltagsperformance basiert.Sanfte Interventionen folgen keiner festen Methode, sondern entstehen aus Situationen. Es sind keine universellen Lösungen, sondern Formen, die aus den spezifischen Gegebenheiten eines Ortes und seinen sozialen Dynamiken hervorgehen. Sie basieren auf Zuhören, Beobachten und einem echten Eintauchen in den lokalen Kontext. Der Gestaltungsprozess ist offen und zyklisch. Es gibt Momente der Verdichtung, des Stillstands, der Wiederholung und der Transformation. Durch gemeinsame Aktivitäten und symbolische künstlerische Gesten entstehen neue Narrative, die vielfältige Perspektiven sichtbar machen und bestehende Machtverhältnisse infrage stellen.